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Philosoph Richard Precht über autonomes Fahren: "Ohne totale Überwachung geht es nicht"

Lesezeit: 3:30 Minuten

Richard David Precht ist der angesagteste deutsche Philosoph der Neuzeit. Seine Bücher zu so unterschiedlichen Themen wie Liebe, künstliche Intelligenz, Selbstwahrnehmung oder die Geschichte der Philosophie sind Bestseller und auch als Unternehmenssprecher ist der Mann gefragt. Das gilt auch für die Autoindustrie, bei deren Vorständen Precht ein gern gesehener Gast ist. In einem Podcast der Online-Marketing-Experten OMR teilte der Denker seine Sicht auf das autonome Fahren und erklärte, weshalb er diese Technologie in demokratischen Ländern für nicht durchsetzungsfähig hält.

"Ich war mal ein Riesenfan!", leitet der Kölner seine Ausführungen zum autonomen Fahren ein. Er selbst fährt trotz eines gültigen Führerscheins nicht gerne, daher hat er die Vorstellung des selbstfahrenden Autos ursprünglich sehr ansprechend gefunden. Eine App, über die man sich ein selbstfahrendes Taxi bestellen kann. Einige Minuten nach der Bestellung kommt ein kleines, smartes, leichtes Auto und holt den Kunden oder die Kundin ab. In der Vorstellung sollten so die Verkehrsstaus innerhalb der Städte gelöst werden. "Das habe ich mir alles so schön vorgestellt.", erklärt Precht. 

"Don’t even think about it!" Nicht mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar

Precht selbst ist als gefragter Sprecher viel in derAutomobilindustrie unterwegs. Bei namhaften deutschen Autobauern schaute er sich die Fortschritte der Technologien für autonomes Fahren genau an, beschäftigte sich philosophisch damit und sprach auch mit den verantwortlichen Entwickler*innen.  "Je mehr man sich damit beschäftigt, umso klarer wird einem, dass sich unser Verkehr zwar radikal ändern muss. Und auch wird. Aber auch, dass das autonome Auto keine Rolle in diesem Verkehr spielen wird." Als Erklärung führt Precht das Beispiel des moralischen Dilemmas auf: Wie muss ein selbstfahrendes Auto programmiert werden, damit es im Falle eines tödlichen Unfalls zwischen mehreren Leben auswählen kann? Bereits der Gedanke daran sei nicht mit dem deutschen Grundgesetz vereinbar, meint der Philosoph: "Das klassische Beispiel ist, dass das Auto so programmiert werden müsse, dass es moralische Entscheidungen fällt. Also ob es die Oma überfährt oder das Kind. Das ist etwas, worüber wir gar nicht nachdenken müssten. Das verbietet das Grundgesetz – wir dürfen es in Deutschland nicht so programmieren. Die Würde des Menschen ist unantastbar und das gilt für die Würde der Oma genauso wie für die Würde des Kindes. In Deutschland sind solche Programmierungen also völlig ausgeschlossen. Don’t even think about it!" 

Das Chaos ist zu groß: In Städten wie Palermo ist autonomes Fahren nicht umsetzbar

Das zweite Problem, so Precht, seien Städte wie Neapel oder Palermo. "Palermo ist das größte Verkehrschaos, das ich bisher in Europa gesehen habe. Die fahren dort ohne Verkehrszeichen, völlig instinktiv. Die schieben sich Blech an Blech irgendwie durch.“ Setze man in dieses Chaos ein selbstfahrendes Auto rein, würde es die Welt nicht mehr verstehen, meint Precht. Aufgrund fehlender Regeln, Straßenmarkierungen und der unberechenbaren Fahrweise der Menschen hätten die intelligenten Fahrzeuge keine Chance. „Da ist alles gefühlt, anarchistisch. Das würde nicht funktionieren. Unsere Städte – zum Teil mittelalterlichen Ursprungs – sind überhaupt nicht dazu gemacht, dass selbstfahrende Autos sich in ihnen zurechtfinden. Die werden pausenlos spinnen und nicht wissen, was sie tun sollen.", erklärt der Denker. 

Ohne Totalüberwachung kein autonomes Fahren

Das dritte und entscheidende Argument gegen selbstfahrende Fahrzeuge seien alle übrigen Verkehrsteilnehmer*innen. "Wir werden eine Veränderung der Verkehrshierarchie erleben, wenn wir selbstfahrende Autos haben. Diese sollen ja eigentlich klein und leicht sein. Das ist die Idee dahinter. Mit mehr SUV lösen wir das Verkehrsproblem nicht. Wenn ich aber in meinem SUV dagegen schwenke, ist das kleine selbstfahrende Auto Matsch. So schnell kann selbst ein Computer nicht ausweichen. Also müssten langsam und allmählich die Selbstfahrer verschwinden. Es dürfen nur autonome Autos fahren. So wie es bei Kutschen und Autos der Fall war. Das eine verdrängt das andere."

"Die Folge wäre Totalüberwachung. Ich müsste also chinesische Verhältnisse in Kauf nehmen – nur für dieses selbstfahrende Auto." - Richard David Precht über selbstfahrende Autos

 

Nehme man an, dass der Stadtverkehr vollautonom funktioniert, werde dieser Verkehr ungefährlich, meint Precht. Was ihn stark anfällig für Missbrauch mache, seien Verkehrsstörer*innen, die die Autos nicht mehr fürchten müssten: "Ich muss als Fußgänger keine Angst mehr haben. Das selbstfahrende Auto bremst auf Entfernung. Das nimmt mich schon sehr früh wahr. Dann brauche ich aber auch keine Rücksicht mehr darauf zu nehmen. Dann stellen wir uns zu fünft auf eine Kreuzung mitten in der Stadt, hüpfen und winken dort herum und alle selbstfahrenden Autos halten an. Dort drin sitzen die Leute mit dem Rücken nach vorne, gucken die ganze Zeit Werbung oder Filmchen. Es steigt keiner mehr aus, haut keinem eine in die Fresse. Was mache ich dagegen? Ich muss jeden Verkehrsteilnehmer – allen voran den irrationalsten, den Fahrradfahrer und Fußgänger, von Anfang bis Ende monitoren." Notwendig wären dann, so Precht, Kameras und Sensoren an jeder Straße, die den Verkehr lückenlos dokumentieren. Verkehrsstörer*innen könnten dann bei Vergehen mit einer Software identifiziert werden und bekämen daraufhin einen digitalen Strafzettel. "Die Folge wäre Totalüberwachung. Ich müsste also chinesische Verhältnisse in Kauf nehmen – nur für dieses selbstfahrende Auto, bei dem ich am Beispiel von Palermo gezeigt habe, dass es einer echten Großstadtsituation sowieso nicht gewachsen ist.", erklärt er. 

Auf Autobahnen möglich, in Städten utopisch

Denkbar seien selbstfahrende Autos auf Firmengeländen, selbstfahrende S-Bahnen, vielleicht sogar eine Lösung für die Autobahnen. Jedoch nicht als Mittel, um die Verkehrsprobleme in den Städten zu lösen, resümiert Precht. Ein Geschäftsmodell werde nur etwas, dass begehrt und gesellschaftlich akzeptiert ist. Und das möglichst ohne Risiken und Nebenwirkungen. Bei autonomen Autos sei die Negativbilanz dagegen so stark, dass andere Dinge visionärer seien. „Ich glaube schon, dass die Städte sich verändern werden. Allerdings nicht so.“

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